THEMEN
Wehrmachtsangehörige zwingen sowjetische Kriegsgefangene, ihr eigenes Grab zu schaufeln, besetzte sowjetische Gebiete, vermutlich 1941
Mit dem „Kommissarbefehl“ ordnet die Wehrmacht vor dem Überfall auf die Sowjetunion an, dass politische Funktionär*innen der Roten Armee sofort nach ihrer Gefangennahme erschossen werden. Sie sind für die politische Ausrichtung der Roten Armee und die Schulung der Soldat:innen zuständig. Der Befehl gilt bis Mai 1942.
Foto: unbekannt, dpa Picture Alliance
RECHTSBRUCH
Das Deutsche Reich hat internationale Abkommen unterzeichnet, die eine humane Behandlung von Kriegsgefangenen festlegen.
Bei den sowjetischen Kriegsgefangenen hält die Wehrmacht sie jedoch absichtlich nicht ein. Politische Kommissare der Roten Armee und andere Gefangene werden erschossen, vor allem im ersten Kriegsjahr. Unzureichende Versorgung führt zum Hungertod von Millionen. Zwar bessert sich die Lage der Rotarmist:innen in deutscher Gefangenschaft ab Mitte 1942 ein wenig, weil sie als Arbeitskräfte immer wichtiger werden. Ihre Behandlung ist jedoch bis zum Kriegsende viel schlechter als die der Kriegsgefangenen aus anderen Ländern.
Sowjetische Kriegsgefangene vor behelfsmäßigen Unterkünften im Stalag 319, Chelm, 1941
In den meisten Lagern fehlen anfangs Unterkünfte, so dass die Gefangenen auf dem Boden schlafen müssen. Um sich vor Regen, Wind und Kälte zu schützen, graben sie Erdhöhlen und bauen Unterstände mit allem, was sie finden können.
Foto PK: Karl Arthur Petraschk, bpk / Karl Arthur Petraschk
VERELENDUNG
Die Wehrmacht trifft nur wenig Vorbereitungen, um die sowjetischen Kriegsgefangenen angemessen unterzubringen und zu versorgen.
Verwundete und Kranke erhalten so gut wie keine medizinische Hilfe. Die verteilten Nahrungsmittel sind völlig unzureichend. In den Lagern fehlt lange Zeit fast jede Infrastruktur. Die hygienischen Zustände sind so katastrophal, dass sich schon bald Epidemien ausbreiten. Ein Großteil der geschwächten Kriegsgefangenen wird krank. Zudem gehören Misshandlungen und Demütigungen durch die Wachmannschaften zum Lageralltag.
Kriegsgefangene müssen die Leichen von Mitgefangenen begraben, Wjasma, November 1941
Im Oktober 1941 senkt die Wehrmacht die Rationen für die sowjetischen Kriegsgefangenen drastisch. Daraufhin steigen die schon zuvor hohen Sterberaten noch einmal sprunghaft an. In manchen Lagern sterben täglich Hunderte von Gefangenen. Ihre Leichen werden in Massengräbern verscharrt.
Foto privat, SNG, Celle
HUNGERSTERBEN
Das NS-Regime rechnet mit einem schnellen Sieg. Der Krieg kann jedoch nicht, wie geplant, vor dem Winter beendet werden.
Als die Versorgungsprobleme deshalb immer größer werden, legt die NS-Führung eine Rangfolge fest, wer zuerst ernährt werden soll. Die nicht arbeitenden sowjetischen Kriegsgefangenen werden dem Hungertod ausgeliefert. Die faktisch zugeteilten Rationen sind jedoch für alle Gefangenen zu gering. Im Herbst 1941 setzt deshalb in den Lagern ein Massensterben ein. Bis zum Frühjahr 1942 gehen mehr als zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene elend zugrunde, etwa zwei Drittel der bis dahin in Gefangenschaft Geratenen.
Sowjetische Kriegsgefangene kurz nach ihrer Ankunft im KZ Sachsenhausen, September 1941
In den Kriegsgefangenenlagern werden politische Funktionär:innen unterschiedlichster Art, jüdische Rotarmist:innen, Angehörige der Intelligenz oder „Aufwiegler“ gesucht. Die Wehrmacht übergibt diese „Ausgesonderten“ zur Ermordung an SS und Polizei.
Foto SS: unbekannt, Národní Archiv Prag, Sbírka alb.
AUSSONDERUNGEN
Die Wehrmacht unterscheidet zwischen vermeintlich gefährlichen und nützlichen Kriegsgefangenen. Mehr als 150.000 werden abgesondert und erschossen.
Teilweise geschieht dies direkt nach Gefangennahme. Auch in den Lagern sucht die Wehrmacht zusammen mit SS und Polizei nach „untragbaren Elementen“. Gleichzeitig rekrutieren die Deutschen sogenannte Hilfswillige. Diese werden in den Lagern und bei den Wehrmachtsverbänden eingesetzt. Ein Teil dient auch bewaffnet in Hilfspolizei- und Militäreinheiten. Bis zu 800.000 gefangene Rotarmist:innen arbeiten, nur zum Teil freiwillig, mit den Deutschen zusammen.
Kriegsgefangene bauen einen Knüppeldamm, Jerschitschi bei Roslawl, 19. September 1941
Die Deutschen lassen sowjetische Kriegsgefangene für sich arbeiten. Das Kriegsvölkerrecht erlaubt dies zwar, solange der Arbeitseinsatz nicht militärischen Zwecken dient. Die Behandlung und die Arbeitsbedingungen der gefangenen Rotarmist:innen sind jedoch so schlecht, dass viele von ihnen sterben.
Foto PK: Mehls, RH 82 Bild 00063, Bundesarchiv, Koblenz
ARBEITSEINSATZ
Sowjetische Kriegsgefangene müssen in ganz Europa für die Deutschen und deren Verbündete arbeiten.
Je länger der Krieg dauert, desto größer wird auch der Bedarf an Arbeitskräften in der deutschen Wirtschaft. Die Wehrmacht verlegt mehr und mehr gefangene Rotarmist-innen ins Deutsche Reich. Sie werden in der Rüstungsindustrie, im Bergbau, in der Landwirtschaft und in vielen anderen Bereichen eingesetzt. Ein Netz von Zehntausenden von Arbeitskommandos überzieht die Städte und die ländlichen Gebiete. In den meisten Fällen sind die Arbeits- und Lebensbedingungen der sowjetischen Kriegsgefangenen katastrophal.
Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag X B, Sandbostel, vermutlich Herbst 1941
Bei den Märschen werden verwundete, kranke oder erschöpfte Kamerad:innen getragen oder gestützt. Der Wachmann, der dieses Foto machte, notiert auf der Rückseite: „Sterbende Sowjets. Ein alltägliches Bild.“
Foto: Robert Vinx, 146-2005-014, Bundesarchiv, Koblenz
ÜBERLEBEN
Die sowjetischen Kriegsgefangenen sind immer wieder mit lebensbedrohlichen Situationen und katastrophalen Zuständen in den Lagern und beim Arbeitseinsatz konfrontiert.
Ihre Versuche zu überleben sind vielfältig. Sie reichen von der „freiwilligen“ Meldung als „Hilfswillige“ bis zur Organisation von Widerstand und Sabotage. Verrat und Diebstahl kommen ebenso vor wie gegenseitige Solidarität, Hilfe und Unterstützung. Fluchtversuche sind ein Massenphänomen. Die Überlebenschancen in den besetzten Gebieten sind dabei meist besser als im Deutschen Reich.
Sowjetische Kriegsgefangene nach ihrer Befreiung, bei Staraja Russa, 11. Januar 1942
Im Zuge ihrer Offensiven gelingt es der Roten Armee, eine große Zahl ihrer Militärangehörigen zu befreien. Dies geschieht bereits zur Jahreswende 1941/42, aber vor allem ab 1943. Die Befreiten werden medizinisch versorgt, wie diese an Fleckfieber erkrankten Männer. In der Regel kehren die Rotarmist:innen später in den Militärdienst zurück.
Foto: Timofei Melnik, MBK, Berlin
KRIEGSENDE
Ein Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen wird bereits im Laufe des Krieges von der vorrückenden Roten Armee und den Truppen der westlichen Allierten befreit.
Die meisten von ihnen befinden sich aber bis ins Jahr 1945 in deutscher Hand. In den letzten Kriegsmonaten verschlechtert sich ihre Lage noch einmal dramatisch. Um die Lager zu räumen, treiben die Deutschen sie auf lange Fußmärsche. Zahlreiche sowjetische Kriegsgefangene werden ermordet. Bei ihrer Befreiung sind viele so krank und schwach, dass sie noch in den Tagen und Wochen danach sterben.
Aufbruch aus einem Repatriierungslager, Bezirk Oldenburg, Frühsommer 1945
Die meisten ehemaligen Kriegsgefangenen möchten in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückkehren. Doch manche werden auch dazu gezwungen. Die sowjetische Regierung hat mit den anderen Alliierten die Übergabe aller befreiten Sowjetbürger:innen vereinbart. Diese Praxis wird schon bald wieder beendet. Etwa 500.000 ehemalige Kriegsgefangene kehren nicht zurück.
Foto: unbekannt, SNG, Celle / Zentrales Museum der Streitkräfte, Moskau
RÜCKKEHR
Ziel der sowjetischen Regierung ist es, möglichst alle sowjetischen Staatsangehörigen zurückzubringen, wenn nötig auch unter Zwang.
Bis März 1946 werden 1,5 Millionen ehemalige Kriegsgefangene repatriiert. Sie gelten generell als Deserteure und Verräter. Nach geheimdienstlichen Überprüfungen wird zwar nur eine Minderheit bestraft. Das Misstrauen bleibt jedoch bestehen und hat oftmals jahrzehntelange gesellschaftliche Benachteiligungen zur Folge. Die Rückkehrenden erwartet zu Hause ein in weiten Teilen völlig verwüstetes Land. 27 Millionen Tote sind zu beklagen, darunter 14 Millionen Zivilist-innen.
Errichtung eines Ehrenmals auf dem Friedhof Oerbke, Juni 1945
Nach Kriegsende lassen sowjetische Militärbehörden auf vielen Friedhöfen Ehrenmale errichten. Allerdings verschweigen die Inschriften meist, dass die Begrabenen Kriegsgefangene waren. In der DDR wird bei diesen Ehrenmalen die „deutsch-sowjetische Freundschaft“ zelebriert. In der Bundesrepublik werden sie im Kontext des Kalten Kriegs teilweise zerstört oder umgestaltet.
Foto: unbekannt, SNG, Celle / Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau
ERINNERUNG
Nach dem Krieg spielen die deutschen Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen kaum eine Rolle.
In der Bundesrepublik werden sie verschwiegen. Die DDR hebt vor allem Widerstandsaktionen hervor. Erst 2015 leistet das wiedervereinigte Deutschland eine symbolische Anerkennungszahlung. Eine formale Entschädigung wird den Überlebenden verweigert. In der Sowjetunion konzentriert sich die offizielle Erinnerung auf den Sieg über den Faschismus und das Gedenken an im Kampf gefallene Held:innen. Ehemalige Kriegsgefangene werden ausgeschlossen und in den postsowjetischen Staaten erst in den 1990er Jahren vollständig rehabilitiert.
