BIOGRAFIEN
Петр Ионович Белов (1907-1941)
Pjotr Ionowitsch Below wird in dem Dorf Parachino im russischen Gebiet Wladimir geboren.
Er gerät im Oktober 1941 in Gefangenschaft und kommt ins Stalag 352 Minsk. Dort verhungern im Herbst/Winter 1941 Zehntausende Gefangene. Einer von ihnen ist P. I. Below. Er stirbt am 25. Dezember 1941. Seine Familie weiß lange nichts Genaues über sein Schicksal. Er gilt seit Oktober 1941 als verschollen. Erst seine Urenkelin Albina Turtschaninowa findet 2018 Hinweise auf seinen Tod im Minsker Lager. Die Familie hat kein Foto ihres in deutscher Kriegsgefangenschaft gestorbenen Verwandten.
დიომიდ თავაძე (1921-1941)
Diomid Tawadse wird in Georgien geboren. Der Student dient in der Roten Armee bei der Artillerie.
Am 3. Juli 1941 gerät er bei Minsk in Gefangenschaft. Als er Mitte Oktober ins Stalag 321 Oerbke kommt, müssen die Gefangenen dort in Erdhöhlen und in improvisierten Unterständen leben. Sie hungern. Fleckfieber breitet sich aus, und Tausende sterben. D. Tawadse stirbt am 26. Dezember 1941, wenige Tage vor seinem 21. Geburtstag. Als Todesursache notiert die Wehrmacht „allgemeine Körperschwäche“, eine Chiffre für den Hungertod.
Андрій Михайлович Лемешко (1908-1942)
Andrij Mychajlowytsch Lemeschko ist Landarbeiter, bevor er als Soldat in der Roten Armee dient.
Bei Polotnjanka gerät er Mitte Oktober 1941 in deutsche Gefangenschaft. Die Wehrmacht verlegt ihn in die annektierten Sudetengebiete und teilt ihn einem Arbeitskommando in Mayerhöfen bei Buckwa zu. Dort stirbt A. M. Lemeschko am 6. Februar 1942. Als Todesursache vermerkt die Wehrmacht lapidar „Erschöpfungszustand“. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Kriegsgefangene verhungert ist, wie mehr als zwei Millionen seiner Kamerad:innen, die die Wehrmacht bis zum Frühjahr 1942 sterben lässt.
Михаил Алексеевич Заварзин (1917-1941)
Michail Alexejewitsch Sawarsin stammt aus der Region Altai und ist gelernter Schlosser.
Nach seiner Gefangennahme am 5. Juli 1941 in Riga kommt er über das Stalag 321 Oerbke zum Arbeitseinsatz nach Kaltenweide in der Nähe von Hannover. Dort wird er am 1. Oktober 1941 bei einem Fluchtversuch erschossen. Kriegsgefangene aus anderen Ländern werden für solche Fluchtversuche nicht bestraft. Die Wehrmacht hat jedoch befohlen, auf fliehende sowjetische Kriegsgefangene sofort und ohne Warnung zu schießen, mit der festen Absicht, sie zu treffen.
Айдбай Абдурахманов (1916-1942)
Aidbai Abdurachmanow wird in Karaganda geboren. Der Kasache ist Muslim und arbeitet als Lehrer.
Fünf Tage nach Kriegsbeginn wird der Soldat am 27. Juni 1941 bei Lida in Belarus gefangen genommen. Die Wehrmacht verlegt ihn ins Stalag 324 Ostrow-Mazowiecki und später nach Grodno. Dort stirbt er am 24. März 1942. Sein Grab befindet sich auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Grodno. Diese Hinweise finden sich auf einer Personalkarte, mit der die Wehrmacht die Gefangenen erfasst. Über die Todesursache A. Abdurachmanow ist dort nichts vermerkt.
Unbekannter Kriegsgefangener, Foto PK: Walter Friedrich (Ausschnitt), 101I-267-0111-37A, Bundesarchiv, Koblenz
Unbekannt
Ein PK-Fotograf hat dieses Foto im August 1941 in einem Lager im Gebiet Smolensk aufgenommen.
Auf dem Hemd des gefangenen Rotarmisten ist ein sechszackiger Stern aufgenäht. Die Wehrmacht hat ihn damit als Juden gekennzeichnet. Jüdische Angehörige der Roten Armee werden erschossen. Wie bei den meisten Fotografien von sowjetischen Kriegsgefangenen wissen wir nicht, wer der Mann auf dem Bild ist. Oft sind es die letzten Aufnahmen dieser Menschen vor ihrem Tod.
Илья Иванович Новиков (1921-1941)
Ilja Iwanowitsch Nowikow stammt aus dem Gebiet Smolensk und ist vor dem Krieg Landarbeiter.
Am 7. Juli 1941 gerät der Soldat einer Panzer-Einheit in Lettland in Gefangenschaft und kommt Anfang August nach Niedersachen ins Stalag 321 Oerbke. Dort suchen Gestapo-Beamte nach „untragbaren“ Gefangenen. I. I. Nowikow wird Anfang Oktober ins KZ Sachsenhausen gebracht und in einer eigens für diese Morde errichteten Genickschuss-Anlage getötet. Mindestens 12.000 sowjetische Kriegsgefangene erschießt die SS hier, von insgesamt 33.000 bis Ende Juli 1942 im Reichsgebiet ermordeten.
Нина Дмитриевна Карасева (1922-?)
Nina Dmitriewna Karasewa aus Waldai dient bei einem Nachtbomber-Flugregiment. Sie hat den Rang eines Unterleutnants, als sie im September 1943 gefangen genommen wird.
Ein halbes Jahr später entlässt die Wehrmacht sie aus der Kriegsgefangenschaft zum Arbeitseinsatz bei der Firma Opta Radio A.G. im schlesischen Grünberg. Viele Rotarmistinnen werden unter Druck gesetzt, ihren Status als Kriegsgefangene aufzugeben. Als Zivilistinnen können sie den Arbeitsämtern übergeben werden, die dringend Arbeitskräfte suchen. Das weitere Schicksal der 22-Jährigen ist nicht bekannt.
Тимурбәк Дәүләтшин (1904-1983)
Tamurbek Dawletschin wird in dem tatarischen Dorf Sildjar geboren. Der Muslim ist Rechtsanwalt und Hochschulprofessor für Rechtswissenschaften in Kasan.
Bei Kriegsbeginn wird er einberufen und nach wenigen Wochen bei Nowgorod von der Wehrmacht gefangen genommen. Über Riga und Fallingbostel kommt er im Dezember 1941 in das Stalag XI C Bergen-Belsen, wo er Schreiber im Lazarett wird. Nach einem Jahr in Gefangenschaft stellt er sich Mitte 1942 deutschen Dienststellen zur Verfügung, die tatarische Verbände betreuen. Ab 1943 verbringt der schwer an TBC Erkrankte mehrere Jahre in Lungenheilstätten, bevor er ab 1951 in München lebt.
Александр Аронович Печерский (1909-1990)
Alexandr Aronowitsch Petscherski wächst in einer jüdischen Familie in Krementschug auf. Der Musik- und Theaterwissenschaftler wird am 22. Juni 1941 eingezogen und im Oktober gefangen genommen.
Über Borissow kommt er ins Stalag 352 Minsk und später in ein Arbeitslager der SS. Diese verlegt ihn im September 1943 in das Vernichtungslager Sobibor. Dort organisiert der 34-jährige Leutnant zusammen mit anderen Häftlingen einen bewaffneten Aufstand. Am 14. Oktober 1943 werden elf SS-Männer getötet, über 300 Häftlingen gelingt die Flucht. Doch nur 60 Geflohene erleben das Kriegsende. Unter ihnen ist auch A. A. Petscherski.
Іван Миколайович Дем’янюк (1920-2012)
Iwan Mykolajowytsch Demjanjuk stammt aus einem Dorf im Westen der Ukraine.
Er wird 1942 gefangen genommen und im Stalag 319 Chelm als Hilfswilliger rekrutiert. Die SS bildet ihn im Lager in Trawniki aus. Von März 1942 bis Oktober 1943 ist er Wachmann im Vernichtungslager Sobibor. Danach versetzt ihn die SS ins KZ Flossenbürg. In den ersten Jahren nach dem Krieg lebt I. M. Demjanjuk in Süddeutschland, bevor er 1951 in die USA auswandert. Er wird mehrfach angeklagt. Das Landgericht München verurteilt ihn 2011 wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Haft. Es ist der allererste Prozess, in dem die Richter auf einen Einzeltatnachweis verzichten.
Antonina A. Nikiforowa, Ende 1930er Jahre, Foto: unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Fürstenberg/Havel
Антонина Александровна Никифорова (1907-2001)
Antonina Alexandrowna Nikiforowa, geboren in Leningrad, ist Militärärztin.
Im Oktober 1941 gerät sie auf der Ostseeinsel Saaremaa in Gefangenschaft und überlebt diverse Lager in Estland, Litauen und Polen. Als sie den zivilen Arbeitseinsatz verweigert, wird sie 1943 ins KZ Majdanek überstellt. Im April 1944 verlegt die SS sie ins KZ Ravensbrück, wo sie ein Jahr später befreit wird. Bis Ende Oktober 1945 arbeitet sie als leitende Ärztin im sowjetischen Krankenhaus in Ravensbrück, dann kehrt sie zurück. Allerdings darf sie erst ab 1948 wieder in ihrer Heimatstadt wohnen. Bis zu ihrer Rente arbeitet A. A. Nikiforowa als Pathologin in einem Leningrader Krankenhaus.
